Wie gefährlich ist künstliche Intelligenz? Wer Thomas Tschersich solche Fragen stellt, kann sich meistens auf eine anschauliche Antwort freuen. So auch hier: „Als die ersten Automobile über die Straßen rollten, glaubten viele Menschen, der Körper zerlege sich bei Tempo zehn in seine Einzelteile“, sagt er. Die Angst vor dem Neuen sei alt, so Tschersich. Im Fall des Autos sogar mehr als 100 Jahre. Entscheidend bleibe, ob wir eine Technologie zuerst durch die Risiko- oder durch die Chancenbrille betrachten.
So erklärt Tschersich. Er übersetzt, wo andere dozieren. „Burggraben und Zugbrücke haben in der Cyberabwehr ausgedient“, sagt er über veraltete Schutzkonzepte – und jeder hat sofort das Bild vor Augen. Diese Gabe macht komplizierte Technik greifbar. Und das ist besonders notwendig. Denn Sicherheit beginnt für Tschersich nicht an der Hardware, sondern im Kopf der Menschen, die sie verstehen und mittragen.
Vier Jahrzehnte digitaler Fortschritt
Dass er so viele Bilder parat hat, liegt an seiner ereignisreichen Vita. Tschersich kam 1986 als Auszubildender zur Deutschen Bundespost, lange vor dem ausgebauten Internet und erst recht vor dem Smartphone. Er studierte Ingenieurwesen, stieg als Netzwerk-Ingenieur ein, zu einer Zeit als Cybersicherheit noch kaum eine Rolle spielte, und bahnte sich über drei Jahrzehnte seinen Weg bis an die Unternehmensspitze.
Heute verantwortet er als Chief Security Officer die IT-Sicherheit der Deutschen Telekom und führt als Sprecher der Geschäftsführung die Telekom Security.
Er hat die Digitalisierung also von Anfang an begleitet. Er war dabei, als aus dem ersten isolierten Computervirus eine globale Industrie entstanden ist. Genau dieser Erfahrungsschatz kommt seinen Kunden heute zugute. Wer schon so viele Hypes hat kommen und gehen sehen, den bringt der nächste nicht direkt aus der Fassung.
Von KI bis Vertrauen
Und dennoch hat sich in den zurückliegenden 40 Jahren vieles getan. Insbesondere KI hat das Spiel auf beiden Seiten verändert – im Angriff und in der Abwehr. „Wir haben es nicht mit neuen Arten von Angriffen zu tun. Aber wir haben es mit einer neuen Art von Bedrohungsqualität durch Quantität zu tun“, sagt Tschersich.
Gefährlich werde KI vor allem durch ihr Tempo. Wo ein Angreifer früher Stunden brauchte, rauscht die Technologie heute in Minuten durch ein Firmennetz. Verteidiger müssen daher selbst auf KI-Geschwindigkeit kommen, lautet seine Antwort.
Auch das Thema Vertrauen treibt ihn um. „Erstmals in der Geschichte der Menschheit leben wir in einer Zeit, in der wir unseren Augen und unseren Ohren nicht mehr trauen können“, sagt er. Doch deshalb gleich in Panik verfallen? Tschersich denkt lieber in Lösungen. So wird die digitale Identität für ihn zur neuen Firewall, zum digitalen Handschlag, der Geschäfte absichert. Und das gilt nicht mehr nur für Menschen: „Auch KI-Agenten müssen sich ausweisen, bevor sie handeln dürfen."
Doch Identität allein reicht nicht. „KI ist grundsätzlich erst mal dumm", sagt Tschersich. Sie kenne keine Moral und suche nur den wahrscheinlichsten Weg zum Ziel. Deshalb brauche es den Menschen, den „Human in the Loop“, der die Kontrolle behält. Denn „Auch KI-Agenten, die eigenständig handeln, brauchen klare Rollen, enge Rechte und einen zweiten Agenten, der sie kontrolliert.“
Aufklärung statt Alarmismus
Das klingt komplex, doch Tschersich bleibt pragmatisch. Resilienz ist für ihn keine Kür, sondern Existenzsicherung. Seine Frage an das Management laute deshalb nicht, was Sicherheit kostet, sondern was es kostet, auf sie zu verzichten. Gerät ein Unternehmen doch unter Beschuss, zählt für ihn Haltung mehr als jedes Handbuch. „Erst Panik, dann Schuldzuweisung, das sind die Phasen, die Zeit kosten“, sagt er. „Wer eine offene Fehlerkultur lebt, überspringt sie.“ Alarmismus ist nie sein Mittel. Er tritt als Aufklärer auf, der Relevanz vom Rauschen trennt und auf Augenhöhe berät.
Privat lässt er es dagegen gerne krachen. Im übertragenen Sinne. Wenn Tschersich abschaltet, legt er Platten auf. Als DJ mag er elektronische Musik, Beats, die nach vorn treiben. Das passt zu einem Mann, dessen Begeisterung für Technik seit 40 Jahren nicht nachgelassen hat – und das, wo Innovationszyklen immer kürzer werden und die nächste Technologie sicher schon vor der Tür steht. Es ist zu vermuten, dass ihn das nicht aus der Ruhe bringt. Wie beim Autofahren, wo wir vom ersten ganz entspannt in den zweiten Gang schalten, ohne dass es uns dabei zerreißt.
Kurzprofil
Thomas Tschersich verantwortet als Chief Security Officer der Deutschen Telekom AG die Sicherheit eines der größten Telekommunikationskonzerne der Welt. Als Sprecher der Geschäftsführung der Telekom Security führt er zugleich das Geschäft, das diese Expertise an tausende Kunden weitergibt – vom Mittelstand bis zu Betreibern kritischer Infrastrukturen. Seit 1986 bei der Telekom, engagiert er sich als Vorstandsvorsitzender von Deutschland sicher im Netz und im Cybersicherheitsrat.
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In seiner Keynote am 27. Oktober von 10:00 bis 10:30 Uhr im Forum B (Stand 7A-206) verrät er „Drei unbequeme Wahrheiten über Cybersecurity: Prävention, Komplexität, KI im Fokus“. Details zur Keynote finden Sie hier.