Wann ist Niklas Horstmann zufrieden? Die Frage klingt harmlos, seine Antwort vorerst erwartbar: wenn hochgesteckte Ziele erreicht werden, wenn Kunden und Mitarbeitende zufrieden sind. Dann macht er eine kurze Pause und sagt: „Ich bin zufrieden, wenn ich sehe, dass wir nicht nur Bewegung machen, sondern Fortschritt.“ In Bewegung sei schließlich auch, wer im Kreis läuft.
Für Horstmann ging es zuletzt sehr schnell voran – und eher deutlich nach oben als im Kreis. Seit Ende 2024 verantwortet er bei T Business den Bereich Secure Networking, seit kurzem ist er COO der Deutsche Telekom Security GmbH. Zwei Rollen in einer Person, mit der er bewusst auch zwei Welten zusammenführt. Zwei Welten, die lange nebeneinander existierten.
Es ist schließlich so: Kunden treten heute mit einem CISO an den Tisch, mit einem CIO, manchmal mit beiden. Aber im Kern stellen alle dieselbe Frage: Wie stelle ich sicher, dass meine Mitarbeitenden, meine Applikationen und meine Daten sicher und zuverlässig miteinander verbunden bleiben? Wer nimmt mir diese Komplexität ab? Horstmann als Generalist gibt darauf eine Antwort, statt drei. Und genau das ist der Plan: Silos einreißen, Komplexität abnehmen, aus einer Hand liefern.
Fakt oder Fiktion?
So sieht denn auch sein Tagesgeschäft aus: Weniger Produkt, mehr Bewegung. Er kommt ins Spiel, wenn Kunden auf Managementebene einen Gesprächspartner mit Substanz brauchen. Bei strategischen Weichenstellungen, bei Workshops, in denen es darum geht, echte Probleme wirklich zu verstehen, bevor über Lösungen gesprochen wird. „Der Erfolg fast jeder Lösung hängt damit zusammen, wie gut ich vorher verstanden habe, was eigentlich das Problem ist", sagt er. Dafür braucht es nicht immer einen dreitägigen Architektur-Workshop. Aber auch kein schnelles Angebot, das an der Realität des Kunden vorbeischießt. Die Wahrheit liegt dazwischen.
Die analytische Herangehensweise kommt nicht von ungefähr. Bevor Horstmann führte, forschte er. Am Karlsruher Institut für Technologie promovierte er in Wirtschaftswissenschaften, mit einem Schwerpunkt, der damals nüchtern klang und heute als KI weltbekannt ist: Machine Learning und Agentensimulationen. Er hat es im Labor, mit Felddaten und empirischer Methodik durchdrungen.
Die Fähigkeit, sauber zwischen Fakt, Annahme und Axiom zu unterscheiden, hat er nicht am Türschild abgegeben, als er ins Unternehmen wechselte. Er hat sie anders nutzbar gemacht. Im beruflichen Kontext begegnet ihm immer wieder, dass diese Dinge durcheinander geraten: Was ist eine echte Zahl, was ist eine Meinung, was ist eine Annahme, die jemand für einen Fakt hält? Wer das auseinanderhalten kann, trifft bessere Entscheidungen. Und vor allem: schnellere.
Genau das zahlt sich aus, wenn ein Unternehmen KI produktiv machen will. Dann beginnt die eigentliche Frage nicht beim Modell. Sie beginnt im Netz: Wer darf auf welche Daten zugreifen? Welche Verbindungen halten dem Datenvolumen stand, das KI-Anwendungen erzeugen? Was passiert, wenn der Traffic anschwillt und das Netz zum Flaschenhals wird – und die Maschine, die beschleunigen soll, selbst ausbremst? „Sicherheit wandert ins Netzwerk", formuliert Horstmann. Es ist seine Kernthese: Sicherheit ist kein Sicherheitsnetz für den Notfall, sondern die Bedingung dafür, dass digitale Geschäftsmodelle überhaupt belastbar werden.
Konnektivität statt Nische
Wenn Horstmann über sichere Verbindungen spricht, meint er nicht nur technische Stabilität, sondern die Frage, wie Wirtschaft und Gesellschaft verlässlich handlungsfähig bleiben: „Wenn wir Menschen, Unternehmen und Organisationen sicher miteinander verbinden, schaffen wir eine Grundlage dafür, dass unsere Gesellschaft und Wirtschaft funktionieren können.“ Das ist es auch, was ihn überhaupt erst zu Security & Networking gezogen hat: dass das, was er hier tut, gesellschaftlich zählt. Vernetzen und schützen sind für ihn keine parallelen Aufgaben. Sie sind zwei Seiten derselben Grundlage. Gerade deshalb reizt ihn weniger die Spezialnische als die Verbindungslinie. Ihn interessiert Technik dort, wo sie Wirkung entfaltet: wenn sie Zusammenarbeit absichert, Prozesse stabilisiert und Unternehmen im Alltag mehr Spielraum gibt.
Wer Komplexität ordnen will, darf sich nicht im eigenen Fachgebiet einschließen. Horstmann sucht deshalb bewusst Perspektiven von außen: nicht als Ablenkung, sondern als Korrektiv – andere Systeme, andere Zeiten, andere Entscheidungen. Auch abseits der Fachthemen. Er hört Podcasts oder liest wirtschaftspolitische Sachbücher. Wolfgang Münchaus „Kaput: The End of the German Miracle", das die strukturellen Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche beschreibt. Oder „Shōgun", ein Historienroman aus den Siebzigern, der ihn mit Japanisch und Feudalpolitik versorgt. Krimis? Reine Unterhaltung: nicht sein Format. Er sucht Muster, keine Ablenkung.
Den Gegenpol findet er dort, wo Ergebnisse buchstäblich mit Händen zu greifen sind: beim Heimwerken. Aktuell verlegt er Terrassenplatten, 90 Quadratmeter, mit Nassschneidetisch und noch nicht ganz fertig. Er lacht und sagt: „Wir bauen jeden Tag an der Digitalisierung unserer Kunden. Aber eine fertige Terrasse vor sich zu sehen, ist natürlich deutlich greifbarer." In diesem Satz steckt mehr als Selbstironie. Es ist die ehrliche Auskunft eines Menschen, der Intangibles schätzt und trotzdem weiß, dass manches erst dann trägt, wenn man draufstehen kann.
Kurzprofil
Niklas Horstmann verantwortet bei der Deutschen Telekom den Bereich Security & Networking. Der promovierte Wissenschaftler beschäftigt sich seit Jahren mit Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und der Frage, wie Technologie wirtschaftliche Handlungsfähigkeit ermöglicht. Sein Schwerpunkt: Sicherheit, Vernetzung und digitale Transformation so zusammenführen, dass aus technischer Komplexität unternehmerische Orientierung wird.